Il Trovatore im Kino

(cc) David Woo

Oper im Kino?

Seit einiger Zeit kann man Inszenierungen des Royal Opera House in London, Covent Garden, als Life-Stream in einem Kino „um die Ecke“ sehen.

Solche Aufführungen werden dann zeitgleich in knapp 1.000 Kinos rund um die Welt gezeigt. (Das Bolschoi Ballett hat ein ähnliches Angebot).

Aktuell gesehen

Gestern, am 31.1.2017, war wieder so ein Tag. Gezeigt wurde Il Trovatore von Verdi.

Die Oper ist auf fast brutale Art direkt und hemmungslos, die Musik ist aufwühlend und wunderschön. Doch das bekäme man auch bei einem echten Life-Besuch geboten. (Man muss nur lange genug warten, bis die örtliche Bühne das Stück ins Programm nimmt).

Besonders ist der ROH-Life-Stream, weil hier in allen Dimensionen das Beste vom Besten am Start ist. Regie, Bühnenbild, Orchester und eben die 4 Hauptfiguren. Das kriegt man eben nicht irgendwann auch zu Hause geboten, dazu müßte man nach London reisen.

So gesehen ist das Ticket für 23€ ein echtes Schnäppchen! (Die Opern-Tickets in London liegen bei über £200.) Doch wir sind hier nicht bei ebay, der Punkt ist:  Es wird einfach überreichlich geboten!

Vor zwei Monaten haben wir uns „Contes d’Hoffmann“ von Jacques Offenbach gegönnt. Auch ein wunderschöner Ohren- und Augenschmaus. „Il Trovatore“ gestern hat uns indessen noch stärker beeindruckt.

Wir können nur jedem empfehlen, diese Opern-Option zu nutzen. Hier sehen Sie das gesamte Life-Stream-Programm der Saison 2016 / 2017.

Ein paar kleine Anmerkungen

Irgendwo muss man allerdings bei diesem Format auch Abstriche machen. Für mich sind das in erster Linie drei Punkte:

Die Akustik

Unser Delphi-Kino in Berlin Charlottenburg hat sicher keinen schlechten Klang, mit dem O-Ton aus dem ROH wird er trotzdem nicht mithalten können. Und selbst das ausgeklügeltste Soundsystem wird absehbar hinter das Life-Life-Erlebnis im Opernsaal zurücktreten müssen.

Die Atmosphäre

Man kann es drehen und wenden wie man will, ein Kino bleibt ein Kino. Dabei vermittelt unser in Ehren ergrautes Alte-Pracht-Delphi sogar noch farblich und von den Lichtern ein wenig ROH-Optik, ein hypermodernes Cinemaxxx ist es jedenfalls nicht. Aber das Publikum kommt eben wie Kino-Publikum so kommt und geht, Bier trinkt und Nüsschen, Gummibären und Popcorn futtert. Irgendeiner muss auch schnell nochmal seine E-Mails checken, wenn grad nicht so viel los ist auf der Bühne. Muss man seinen Frieden mit machen.

Standing Ovations

Am meisten fehlt mir, dass ich nicht klatschen kann bzw. mag. Klar, man kann heldenhaft als Einzelner in die Stille hinein applaudieren. Aber diese überwältigte Stimmung, wenn ein total bewegter Saal seine große Freude und seinen großen Dank in rauschendem Beifall oder gar stehenden Ovationen entlädt in Richtung Bühne – das hat man hier nun mal nicht. Es ist ja gar keiner da, der es entgegen nehmen könnte.

Letzte Bemerkung: Life-stream?

Es ist mir nicht wirklich wichtig, ob diese wunderbaren Inszenierungen nun wirklich genau zur gleichen Sekunde in London zu sehen sind. Selbst wenn etwa erster und zweiter Akt eigentlich an zwei verschiedenen Tagen aufgeführt worden sind und erst für uns Kino-Zuschauer so zusammengestellt wurden – so what?

Es wäre nicht ganz ehrlich, das allein würde mich irritieren.

Bei meinen beiden Besuchen fiel mir jedenfalls auf, dass all die Dinge, die Life immer mal geschehen können, erstaunlicherweise nicht geschahen. Jede Kamera-Einstellung saß perfekt, jeder Ausschnitt war richtig, das Bild immer scharf. Es lagen keine Kabel im Weg und der Schuh von keinem Kameramann war kurz im Bild. Dabei ist das Bild durchaus nicht nur einfach die ganze Bühne in der Totale. Da wird gezoomt, der Winkel gewechselt und geschwenkt. Das ist alles prima so, nur: wie kann es verdammt nochmal so völlig fehlerlos sein?

Dann sind da noch die Interviews mit Sängern, Dirigenten, Bühnenbildnern etc. vor der Aufführung und in den Pausen. Ein Gespräch mit einem, der gleich auftritt, erscheint mir ohnehin kaum möglich, das muss ja Konserve sein. Aber welches Interview man nimmt: sie sind alle perfekt. Keiner stottert, versteht die Frage nicht oder ist sonstwie abgelenkt.

Hinzukommt, dass jeder Beleg, dass das wirklich jetzt life ist, sorgsam unterlassen wird. Keine Uhr ist im Bild, die Moderatorin nennt nicht das Datum oder den Wochentag, kein Bezug aufs aktuelle Wetter – nichts. So etwas zu erwarten oder gar zu verlangen, ist, ich gebe es zu, ein wenig kleinkariert. Dass es so zur Gänze fehlt, macht mich aber auch ein wenig misstrauisch.

Fazit

Also alles Schwindel?

Mitnichten! Großes Kino, großer Kunstgenuss, unbedingt hingehen!

Unser nächster Event wird am 30.3. Madame Butterfly sein.

 

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