Im fernen Osten: ein Lied vom Russisch-Japanischen Krieg

Als ich ein kleiner Junge war, sang mir meine Mutter gelegentlich Lieder vor. Meist waren es einfache Kinderlieder, aber ich erinnere auch ein schaurig-schönes, das ich besonders gern hatte. Es handelt von einem russisch-japanischen Liebespaar, das der Krieg zusammenführte und auch wieder trennte.

Ich habe dieses Lied nicht im Internet gefunden, nur Auszüge auf der Seite einer fränkischen Forschungsstelle für Volksmusik.

Hier stelle ich jetzt den mir bekannten vollständigeren Text vor und auch die Melodie, zu der meine Mutter das Lied gesungen hat.

Kurz zum Hintergrund

Meine Mutter war Jahrgang 1925, der russisch-japanische Krieg war bei ihrer Geburt bereits 20 Jahre vorbei. Ich denke, sie hat das Lied von ihrer Mutter übernommen. Das Lied ist Russen-freundlich und Japaner-feindlich, in den „Narrativ“ des Dritten Reichs hat es also nicht gepasst. Sie wird es wohl heimlich gesungen haben in der Zeit.

Der Krieg selbst endete mit einer schweren Niederlage für Russland. Hier kann man einige Bilder aus der Zeit sehen und ein wenig zum Hintergrund lesen. Anscheinend wurde dieser Krieg später auch der 0-te Weltkrieg genannt.

Und hier sind nun Noten und Text

Die Melodie ist recht schlicht und erinnert ein wenig an „Jenseits des Tales“. Die drei Noten am Schluß jeder Strophe geben aber der ach-so-ernsten Geschichte etwas Slapstick-haftes, das hat mir immer besonders gefallen.

Hier ist die Melodie zum Downloaden

Das ist der Text, wie ich ihn erinnere *).

O Publikum, vernimm die Trauermäre,
die ich erzähl, im Auge eine Zähre,
von einem Russen, der zuerst erschohossen
und dann zu Tod gemartert worden ist,
voller List.

Im fernen Osten, wie wir täglich lesen,
da kämpfen Russen gegen Japanesen,
da war ein breiter russischer Gefreiheiter,
der in den Kampf nach Japan ziehen muss,
voll Verdruss.

Der arme Russe tat das gar nicht mögen.
Er wollt viel lieber seine Liebeswerke pflegen,
und als ein breiter russischer Gefreiheiter,
macht an ein Mädchen er sich dann heran,
aus Japan.

Das Mädchen war die schöne Tsching-Tschang-Tschung-Tschang,
sie war die schönste Maid im ganzen Japan.
Sie hatten beide aneinander Freuheude,
und wurden bald ein glücklich liebend Paar,
s’ist wirklich wahr!

Des Abends, wenn sein Tagewerk vorüber,
schwamm zum japan’schen Ufer er hinüber.
Und an dem Strande, an dem Meeresrahande,
da harrte sein die hochgeliebte Maid,
voller Freud.

Als die Japaner dies jedoch vernommen,
kam ein japanisches Torpedo angeschwommen,
gewaltig krachend und Spektakel mahachend,
und schoss den armen Russen in das Herz,
oh welch Schmerz!

Der arme Russe wurde immer blasser,
und schwamm ganz leblos auf dem gelben Wasser.
Jedoch die bösen, bösen Japanehesen,
die holten ihn und zogen ihn an Land,
oh welch Schand.

Sie schnitten ihm den Bauch auf in der Mitten.
Und schnitten ihn in hunderttausend Stücken.
Und an dem Abend, sich daran erlahabend,
aßen sie ihn als schöne Fastenspeis‘,
unterm Reis.

Hieraus kann man nun wiederum ersehen,
was doch für Unglücksfälle könn’n geschehen,
wenn die Gefreiten, statt im Kampf zu streiheiten,
mit schönen Mädchen bummeln gehen woll‘n
– und nicht soll‘n.

Nachwort

*) Soweit meine Erinnerung – bis auf zwei Stellen, sie sind hier rot markiert. Diese mir fehlenden zwei Strophen sandte mir freundlicherweise Herr Dr. Armin Griebel von der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, ich danke ihm dafür sehr.

Dr. Griebel schrieb mir weiter:

„…

„Der Kilometerstein“ von Gustav Schulten ist eine Zusammenstellung von teils gruselig-grotesken Liedern, die Wandervögel und ähnliche Gruppen am Lagerfeuer sangen.

Viele sind, diese parodierend, sentimentalen Moritaten nachempfunden, die als „Küchenlieder“ in anderen Gesellschaftschichten zur gleichen Zeit ernsthaft und mit Emphase gesungen wurden.

Vielleicht hat Ihre Mutter das parodistische Lied auch in einer Jugendgruppe oder am Lagerfeuer gelernt. Kindgemäß ist das Lied ja nicht und Ihre Mutter hat es zumindest durch Weglassen der „Menschenfresser“-Strophe entschärft.

1934 ist der Kilometerstein erstmals (in Potsdam) erschienen und dann in vielen Auflagen bis in die 1940er Jahre, also auch in der NS-Zeit. Die Lieder darin sind vorher und nachher vor allem mündlich weitertradiert worden und haben sich dabei ganz selbstverständlich verändert. Offenbar wurden „Der Kilometerstein“ und seine Lieder vom NS-Regime für nicht gefährlich angesehen.

…“

Mir ist das sehr interessant. Mein Großvater mütterlicherseits war aktiver Wandervogel, hier scheint sich der kleine Kreis der Quellensuche zu schließen.

Den Kilometerstein kann man übrigens in einem Nachdruck noch immer erhalten, bei Amazon etwa für 28€.

Dieser Beitrag wurde unter Gedicht, Musik, Privat, Pseudowissenschaftliches abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.