66. Berlinale 2016

IMG_0190Wir hatten 2015 viel Freude an der Berlinale. Dieses Jahr wollten wir diesen Spaß noch etwas steigern. Bisher hat’s geklappt.

Wenn Sie wissen wollen, wie wir uns durch das Programm erfolgreich durchgeschlängelt haben – hier steht es:

Die Vorbereitung

  1. Alles beginnt mit der Planung. Infos gibt’s ja genug, der Challenge ist, den Überblick zu behalten. Wir haben uns für die App entschieden, die hat man immer dabei. Aber es gibt auch gute Magazine und Programm-Übersichten.
  2. Doch wie man es immer auch aufbereitet, sortiert und kategorisiert: Fast 500 Filme, die 2 bis 6 mal gezeigt werden sind einfach ein gigantischer Berg. Man muss Schwerpunkte setzen, inhaltlich, zeitlich und räumlich. Klingt abstrakt, bei uns hieß das dann ganz konkret:
    • möglichst viele Wettbewerbsfilme. „Wettbewerb“ ist nur eine Sektion von  insgesamt 12. Es gibt z.B. auch die Sektion „Forum“, ausgeschrieben: Internationale Forum des Jungen Films oder „Panorama“: weniger Kommerz, mehr Kunst. Eine Übersicht der Sektionen ist hier. Panorama-Filme wollten wir auch ein paar sehen.
    • alle drei Tage ein Filmtag und
    • immer nur Potsdamerplatz, Zoopalast oder Friedrichstadt Palast.
  3. Trotzdem sind alle Filme Wundertüten. Was man zu sehen bekommt, kann man nur grob erahnen. Die Klappentexte im Programm geben eher dürftige Hinweise. Im persönlichen Wunsch-Programm hat man also viele Katzen im Sack.
  4. Nächste Stufe Kartenkauf, will durchaus geplant sein. IMG_0175Denn die begehrten Filme sind schnell ausverkauft. Wettbewerbsfilme gibt es 4 Tage im voraus, die anderen 3 Tage. Wir werden morgen wieder anstehen, für 2 Panorama-Filme im Zoo-Palast am 18.. Das heißt, wir stellen uns morgen so gegen 9:20 bei Audi am KuDamm an. Um 10 gehen die Kassen auf, zuvor wird heißer Tee und Kaffee gereicht (Danke Audi). Pro Nase und Vorführung zwei Tickets. Wir gehen zu zweit, weil wir noch für Freunde kaufen.IMG_0191
  5. Und dann muss man noch pünktlich sein, denn es ist freie Platzwahl. Die wilde Meute wird 15 Minuten vor der Vorstellung reingelassen. D. h. wer erst á l’heure kommt, sitzt Rasiersitz. Auf dem Foto haben wir gerade noch einen leidlich erträglichen Platz etwas rechts im Friedrichstadt Palast ergattert.

Die Filme der Berlinale

Wir haben bisher 4 Filme gesehen und alle haben Spaß gemacht. Das liegt natürlich an den Filmen selbst, aber das Kino-Erlebnis auf der Berlinale ist einfach speziell:

  • Große Säle gerammelt voll
  • Keine Werbung, kein Vorfilm, kein Trailer. Nur ein Film pur.IMG_0187
  • Irgendein Filmcrew-Mitglied kommt nach dem Film immer auf die Bühne. Auf dem Foto ist es fast der ganze Cast.
  • Das Publikum ist auch eher gehobenes Niveau. Das klingt echt snobby, ich weiß, aber es ist so. Es wird z.B. nicht bei den Trivial-Szenen gekichert, sondern bei etwas anspruchsvolleren Gags – nee, klingt ja auch doof, aber egal: Mir gefällt das Berlinale Publikum.

Leider machen auch die Berlinale Vorführer den jetzt überall so in die Mode gekommenen Kino-Fehler: wer vor dem Film nicht taub ist, der ist es eben hinterher. Dass man Angst und Ähnliches auch körperlich spüren muss, okay, mag angehen. Aber das ist kein Alibi für dauerthaft massiv übersteuerte Sounds.

Bisher haben wir diese Filme gesehen:

Le Fils de Joseph

Alt- und neu-testamentarische Motive werden originell in die Gegenwart projiziert, führen dann aber zu recht unspektakulären Erkenntnissen: Wahrheit, Liebe, Gottes Wort – darauf kommt es am Ende an. Immerhin wird mit Humor erzählt, der Film ist schnörkelfrei gedreht, bekannte wie unbekannte Gesichter setzen das Ganze mit angenehmer Leichtigkeit in Szene.

Ich habe die Schulnote 3- gegeben. Eine Chance auf einen Wettbewerbs-Sieg hat der Streifen sicher nicht.

Boris sans Beatrice

Ein echtes Ärgernis aus Kanada. Technisch brav, schauspielerisch okay (allerdings etwas fragwürdig besetzt), aber mit einer derart platten, unreflektierten Botschaft, dass man es kaum für möglich hält.

Macho und Erfolgsmensch Boris ist mit der melancholischen Beatrice verheiratet. Sie fällt in eine Depression und spricht nicht mehr. Irgendein verlotterter Gott wird mit dem Helikopter mysteriös eingeschwebt und erklärt ihm: er müsse sich mehr um seine Frau kümmern, dann wird sie wieder gesund. Und tatsächlich: er gibt seinen beiden Geliebten recht brutal den Laufpass, und schwupp geht’s Beatrice schon besser.

Der Film gehört gar nicht in den Wettbewerb, er ist eine konzeptionelle Zumutung.

Hedi

Eine Art Coming-of-Age-Film aus Tunesien. Der junge Hedi sagt zum ersten Mal „Ich“, gerade als seine dominante Mutter ihn verheiraten will. Er verliebt sich in die lebensfrohe Rim, eine Touristen-Animateurin, die am Strand Sandburgen mit deutschen Kindern baut und Abends den Eltern Schein-Folklore vortanzt. Der Vater der Braut kommt wegen Bestechung ins Gefängnis.

Hedi muss sich entscheiden ob er seinen Weg mit Rim in Frankreich finden will oder ihn in Tunesien sucht.

Nicht nur der junge Mann reift hier. Dargestellt wird die Hin- und Hergerissenheit der tunesischen Jugend, die auch ein neues Selbstbewusstsein braucht – und sich von korrupten alten Strukturen lösen muss.

Sehr schöne schauspielerische Leistung, alle Rollen gut besetzt, unterhaltend gedreht, viele schöne Bilder (alles Handkamera). Unser Lieblingsfilm soweit, eine 2+.

Midnight special

Eine kassische Sci-Fi-Geschichte aus den USA. Technisch gibt’s da natürlich fast nichts zu meckern. Doch der Stoff ist schon so oft durchgekaut worden, dass man sich ein etwas konsistenteres Drehbuch gewünscht hätte.

Der kleine Alton aus dem Berlinale Film könnte der Sohn von Carpenters Starman sein, und nun muß er sich seinen Weg zurück erkämpfen. Wie E.T. geht er gerade nicht vor, aber was seine Kumpels da irgendwo in Louisiana aus dem Sumpf stampfen, hätte vor 25 Jahren bei Abyss geklaut sein können.

Es ist spannend, actionreich ohne zu überziehen und sauber runtergespielt. Wirklich überzeugt hat allerdings nur Joel Edgerton als Lucas. Kirsten Dunst (um im Wettbewerb die Chancen zu erhöhen muss eine Deutsche dabei sein?) ist nicht besonders zwingend.

Gute Unterhaltung mit viel déja vu, eine glatte 3.

Chang Jiang Tu

Beeindruckende Landschafts- wie Industrie-Bilder dominieren diesen Film. Die Kamera begleitet einen Lastenkahn-Kapitän den Jang-Tse hinauf und stellt dabei viel Unbekanntes von China vor. Eisensteins Kamera ist im 21. Jahrhundert angekommen. Aus den vielen Bildern hätte man eine interessante Dokumentation machen können.

Doch Crosscurrent, so der englische Titel, ist ein Spielfilm. Denn der junge Kapitätn sucht auf der Reise Frieden für die Seele seines Vaters, eine Frau für sich und lyrische Erbauung in den Reimen eines ehemaligen Matrosen. All dies ist überlagert und verwoben von buddhistischen Erscheinungen, romantisch-mystischen Verklärungen (die immer gleiche Frau erscheint ihm in jedem Hafen neu und jünger) und chinesischem Aberglauben (die Seele des Vaters ist ein schwarzer Fisch, den er fängt).

Ich konnte mit der Story wenig anfangen, zu fremd waren mir die sich in einander schiebenden Philosophien, Religionen und Kunstformen. Als Spielfilm hat mich Crosscurrent nicht beeindruckt, ich gebe eine 4.

Berlinale Teil 2

5 weitere Titel haben wir noch auf der Liste, am letzten Tag wollen wir gleich drei anschauen. Uns macht dieses Festival bis jetzt sehr viel Spaß. Wer sich so etwas noch  nicht gegeben hat, sollte es auf jeden Fall mal tun. es müssen ja nicht gleich 11 Titel sein, die man schaut.

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