Flüchtlingshilfe ist machbar

FlchtlingeVon meiner kurzen Orientierungsphase in Sachen Flüchtlingshilfe habe ich im vorigen Beitrag berichtet.

Hier geht es jetzt ganz konkret zur Sache, denn gestern hatte ich meinen ersten Einsatztag. Die erste Aufgabe: Spendenannahme und Spendenvorsortierung im Rathaus Wilmersdorf.

Um 12:45 beginnt meine Schicht. Am Eingang Brienner Straße steht Security, man kommt nur rein mit Perso. Aber alles ist locker und freundlich. Beim Helfer Check-in ist es dann genauso, Umhängekärtchen mit Vornamen, weiter zur Koordinatorin Spenden-Management. Wir sind vier, ich bin der einzige Rookie.

Der Job besteht aus zwei Teilen:

  • Spenden an einer offenen Tür annehmen, grob vorsortieren und dann in die entsprechenden Räume zur Feinsortierung weitergeben.
  • Da werden sie nach Art und Größe gruppiert (Damen-Hose warm, Größe 36-38), in Pappkartons verpackt und gelagert. Aber es kommt nicht nur Kleidung, sondern auch Daunendecken, Koffer, Duschgels, Abschminktücher, Kinderwagen, Plüschteddies, Fußbälle, Schokoriegel und Bildbände für die Bibliothek. Auch dafür gibt es Sortiertrupps.

Manches vom Lagerbestand geht für den Bedarf in Wilmersdorf direkt weg, anderes wird von anderen Verteilzentren (Tempelhof, Moabit) angefordert.

In Wilmersdorf konkret gibt es viele junge Männer – und viel zu viel Frauenkleidung, da entsteht schon mal erhebliche Schieflage. Deshalb wird eine Bedarfsliste geführt. Folgen Sie ruhig mal dem Link hier, das ist ganz erhellend, wo die Grenze zwischen Bedarf und Überfluss verläuft.

Der Bedarf kann sich täglich ändern, gestern spät kamen zum Beispiel 100 „Neue“ – und schwupp sind 100 Starter-Pakete weg. Und Verbrauchsgüter wie stilles Wasser oder Duschgel werden halt ganz natürlich immer wieder knapp.

Wir vier Helfer für die Nachmittagsschicht der Spenden-Verwaltung teilen es uns so auf: die zwei Männer (ich und ein anderer Senior) an die Annahme. Da ist es kalt (draußen). Die beiden Mädels drin in der Feinsortierung – aus gutem Grund: ich müsste jedes T-Shirt 10 Minuten untersuchen bevor mir Geschlecht und Größe zuverlässig klar wären.

Die Spender kommen zu Fuß, mit dem Fahrrad und (die Mehrzahl) mit dem Auto. Sie bringen das, was im eigenen kleinen Shop gerade übrig war, was im Kleiderschrank auf dem Dachboden gefunden wurde, was Lidl  gerade im Angebot hatte oder was sie konkret nach der o.g. Bedarfsliste zusammengesucht haben, oft auch gezielt danach gekauft. Alles ist willkommen und toll, das letzte ist natürlich am tollsten. Wenn es dann noch gleich in einem ohnehin knappen Umzugskarton verpackt ist: genial!

Obwohl es die ersten Stunden Schlag auf Schlag geht, sind alle nur freundlich und geduldig, wollen helfen. Die Stimmung an der Annahme-Tür ist ist entspannt und empathisch. Die immer präsente Security hat keine Arbeit.

Die Tür ist Dienstag bis Freitags von 9:30 bis 18 Uhr geöffnet, nach 17 Uhr ebbt es dann deutlich ab. Pünktlich um 18 Uhr beenden wir beiden Opas darum an der Tür den „Publikumsverkehr“ und wollen eigentlich gehen. Da kommt die Kantinen-Organisatorin mit großer Sorgenfalte auf der Stirn: sie sucht händeringend zwei für den Aufräume-Service beim Abendessen, so bis ca. halb neun.

Wir schauen uns kurz an, alles klar, und dann sind wir schon dabei. Wir kriegen eine rote Schürze um (von Schwartau!) und Einmalhandschuhe. Die Aufgabe: In der Kantine, die von 18 bis 21 Uhr geöffnet hat (aha, doch nicht 20:30, na egal) dafür sorgen, dass es immer leidlich ordentlich und hygienisch aussieht.

Konkret: die vollen Restmüllsäcke regelmäßig entleeren. Das Essen kommt in Aluschalen, Tee und Milch gibt es aus Plastikbechern, auch Messer und Gabel sind Plastikgeschirr, da kommt also ein ordentlicher Berg Müll zusammen. Am Ende ist ein großer gewerblicher Container der BSG voll.

Und natürlich geht auch mal was daneben. Ein kleines Mädchen, ca. 3 Jahre, hat nicht verstanden, dass man den Milchhahn auch wieder zumachen muss. Den so entstandenen Milchsee muss man dann schnell wegwischen. Nicht alle essen auch so, wie man das im Idealfall gerne hätte. Da geht schon mal was zu Boden oder kippt um.

Doch deutsche Autobahnraststätten und Kantinen von Großveranstaltungen sehen nicht anders aus, das ist eben so. Ich fand es sogar erstaunlich geordnet angesichts der vielen kleinen Kinder. Oft greifen die Kantinenbesucher auch selber ein, etwa wenn ein Tisch gar zu wild aussieht. Sie räumen das gröbste schon mal weg und wischen Teepfützen mit Servietten auf.

Die Atmosphäre in der Küche ist friedlich, geordnet, gesittet. Alle essen und trinken, was ihnen zusteht, Versuche von Vorteilsnahme oder Wegdrängelung Schwächerer habe ich nicht gesehen. Auch meine Sorge, man würde uns für niederes Service-Personal halten, das sich dann schon um den Dreck kümmert, hat sich nicht bestätigt.

Nach 20:30 wird es auch hier ruhiger, wir beginnen die Tische einzeln zu reinigen sowie die Warmhalter für Tee und Milch. Um 21 Uhr kommen wir dann wirklich raus – ziemlich platt, aber irgendwie sehr zufrieden.

Also: Entgegen meinen Erlebnissen im Vorfeld ist Flüchtlingshilfe in Wirklichkeit ganz einfach. In vielen Städten (nicht nur Berlin und Köln) kann man sich im Volunteer-Planner registrieren und dann auch gleich in einer interaktive Liste für eine Schicht eintragen. An anderen Standorten muss man ggf. mal bei dem Rathaus oder dem Roten Kreuz oder dem ASB oder oder persönlich vorbeikommen und sich registrieren – und schon ist man dabei.

Nach diesen eher quantitativen Aufgaben (viele Spender, viele Flüchtlinge), bin ich nun gespannt, wie eine qualitative Aufgabe aussieht. Ich erwarte, demnächst irgendwo als Schulpate auflaufen zu müssen. Da betreut man dann ein Kind bzw. die ganze Familie. Auch das muss nicht beim Thema Schule dieses einen Kindes enden. Vielleicht hat der Vater oder der große Bruder auch noch ein Problem. Ich werde sehen und dann wieder berichten.

 

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