Flüchtlingshilfe – gar nicht so leicht am Anfang

FlchtlingeVor ein paar Tagen wurde mir plötzlich klar, dass ich bei der Flüchtlingshilfe irgendwie mitmachen muss. Was genau der Auslöser war, weiß ich nicht mehr, aber ich konnte diese Bilder und Berichte im Fernsehen nicht mehr anschauen ohne zu denken: was diese Leute aus Syrien, Eritrea oder Mali erlebt haben, muss so gruselig gewesen sein, da will ich wenigstens dazu beitragen, dass es hier nicht immer so weiter geht.

Also ging ich auf die Suche nach Orten und Institutionen, an denen Hilfe möglich ist.

Bedenken und Erwartungen

Ich war sicher, dass ich Vieles von dem, was die Nachrichten so vermitteln, in einem neuen Licht sehen würde. Auf keinen Fall würde ich alles genauso wie in Tagesschau und heute Journal gesehen, antreffen. Idealistische Vorstellungen müsste ich wohl aufgeben, vielleicht zum Thema Bildungsniveau, Eingliederungswille oder Friedfertigkeit der Flüchtlinge, vielleicht sogar zur persönlichen Bedürftigkeit und zum Ausmaß des Schreckens in der alten Heimat.

Auch auf Frust wegen Hickhack zwischen Behörden, Organisationen und Einzelpersonen hatte ich mich eingestellt, wegen ineffizienter Prozesse und inkompetenter Verantwortlicher.

Umgekehrt erwartete ich, etwas besseren Einblick in die wirklichen Probleme und Herausforderungen dieser Völkerwanderung zu bekommen, authentischer zu erleben, woran wirklich Mangel besteht, wo gehandelt werden muss.

Denn das scheint mir klar: dieses Thema werden wir für Jahrzehnte behalten, das lässt sich nicht nach 6 Monaten vom Problemtisch wegkaufen wie die Griechenlandkrise.

Ein wenig schlechtes Gewissen hatte ich auch. Warum will ich erst jetzt helfen? Warum nur Flüchtlingen? Bedürftige gibt es auch woanders. Will ich nur zu Weihnachten einen Gutmensch-Stern am Revers haben? Fühle ich mich schön überlegen, wenn ich Afghanen erkläre, wie U-Bahnfahren hier funktioniert?

Doch hinter all diesen wenns und abers wollte ich mich nicht verstecken. Auch nicht hinter dem Risiko, sich vielleicht mit irgendwas zu infizieren. Ja, das ist möglich, aber kann auch in der U-Bahn geschehen. Und das Argument, so zum Zielobjekt fremdenfeindlicher Übergriffe zu werden war mir einfach zu feige, als dass ich es ernst nehmen mochte.

Ich erwartete, dass ich schon nach wenigen Stunden der Aktivität bei der Kleiderausgabe, ersten Deutsch-Grundkursen oder gemeinsamen Behördengängen so von alledem vereinnahmt werden würde, dass ich Freizeit deutlich kleiner schreiben müsste. Dreimal die Woche Fitness-Studio? Vermutlich bald purer Luxus. Aber so sollte es dann sein.

Ich war fit, flexibel, irgendwie offen und insgesamt bereit.

Das Abenteuer beginnt

Vor etwa 10 Tagen habe ich also begonnen zu recherchieren, wo man denn nun genau und konkret hingehen sollte um irgendetwas zu tun. Im Internet fand ich dazu recht viel, zum Teil eher privat organisiert, zum Teil eingebunden in behördliche Abläufe. Hier sind einige Adressen in meinem Umfeld Berlin Wilmersdorf

Das ist nur einen kleine Auswahl. Außerdem gibt es noch Facebook-Seiten und Gruppen sowie diverse Mailadressen, an die man sich mit Fragen und Wünschen wenden kann.

Hier habe ich mich an einigen Stellen registriert, andere auf Facebook besucht, Mails und Nachrichten geschrieben und auch bei Organisationen direkt angerufen.

Meine Erfahrung nach 10 Tagen: Alle sind freundlich, die Webseiten sind schnörkelfrei und „gerade aus“, die Telefone sind zu den angegebenen Zeiten besetzt. Auf Anfragen erhält man Hinweise zu weiteren Seiten und Mailadressen.

Überall habe ich eine Kurzbeschreibung meiner Fähigkeiten gelassen (Alter, Familienstand, Sprachkenntnisse, Erfahrung für Unterricht und Organisation) und meine Flexibilität betont. Mein Hauptinteresse war eine Schulpatenschaft.

Ich hatte nun blauäugig erwartet, dass sich jemand irgendwie meldet, wegen mir auch sehr formlos oder uncharmant, vielleicht nur eine SMS mit: „Kleiderausgabe 2.11., 12-17 Uhr, Standort Bundesallee, Absagen bis spätestens 2 Stunden vor Beginn“. Aber bisher nichts dergleichen.

Allerdings wurde ich in einen Newsletter aufgenommen, der mich informierte, dass nicht nur Flüchtlinge bedürftig sind (sehr richtig). Außerdem habe ich eine Einladung zu einem Benefizkonzert für Helfer erhalten.

Erstes Learning für mich: Flüchtlingshilfe ist kein Tanzkurs, da muss man schon selbst ganz konkret  initiativ werden, meine bequeme Nummer läuft hier nicht.

2.11.2015

Eine meiner gefundenen Webseiten ist der Volunteer-Planner. Den gibt es für Berlin und Köln. Nach einigen Klicks ist man auf einem klar gegliederten, interaktiven Einsatzplan für den bevorzugten Standort, bei mir für das Rathaus Wilmersdorf.

Ich sehe hier schnell: Morgen werden noch jede Menge helfende Hände gebraucht. Für die Essensausgabe muss man die rote Karte haben (hol ich mir demnächst), für Arabisch-, Farsi- oder Russisch-Dolmetsch bin ich nicht qualifiziert, Deutschunterricht wird nicht gebraucht, also trag ich mich mal für Spendenvorsortierung ein.

Klar, so ein Rathaus hat keine Warenwirtschaft wie das KaDeWe, jeder Pulli, jede Strumpfhose muss erst mal als solche erkannt werden, Maße prüfen, Waschen, ggf. Flicken und wieder auffindbar ablegen ist da vermutlich eine Challenge.

Ich hab mich jedenfalls für die Mittagsschicht eingetragen und bin jetzt sehr gespannt wie das morgen abgeht.

Nachtrag 21:17

Und wie es oft so geht: gerade habe ich mich da nun eingetragen, und plötzlich erscheint im Mail-Eingang eine Einladung zu einer Schulpatenschaft mit sehr detaillierten Hinweisen, ausgezeichnet gemacht. Das ist völlig unabhängig von der Spendenvorsortierung, nun hab ich also schon zwei Mützen auf.

Ich werde hier über meine weiteren Erlebnisse und die notwendigen Korrekturen meines TV-Zaungast-Weltbildes berichten.

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Ein Kommentar zu Flüchtlingshilfe – gar nicht so leicht am Anfang

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